• Bonusmutter Jule

Über das schlechte Gewissen

Aktualisiert: 18. März



Letzte Woche schrieb mir eine Bonusmama folgende Nachricht:

„Wie kann man diese Ansicht seinem Partner oder der Familie gegenüber vertreten? Ich hätte da irgendwie ein schlechtes Gewissen. Ich denke, ich tu oft Dinge, weil ich glaube, dass das von mir erwartet wird, obwohl ich es eigentlich nicht will. Bin offen für jegliche Tipps.“

Mit „dieser Ansicht“ war die Aussage einer anderen Bonusmutter gemeint, die sagte, dass ihr Bonuskind und die Ex nichts (in dem Fall ging es um Geschenke und Geld) von ihr bekommen.


Super interessant ist, dass viele Bonusmütter oft mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen haben. Erst am Mittwoch beim Bonusmutterstammtisch sagte noch eine Bonusmama, dass sie immer hin und her gerissen ist: Einerseits könnte ja auch die Kindsmutter mit dem Kind lernen, andererseits lernt die Bonusmama ja auch mit ihren eigenen Kindern und es wäre dann irgendwie ungerecht, mit den Bonuskindern nicht zu lernen. „Ich lerne dann mit meinen Bonuskindern, obwohl ich eigentlich keine Lust habe.“


Auch ich kenne es manchmal, das schlechte Gewissen.

So war es beispielsweise vor zwei Wochen so, dass Tommi montags eine Mathearbeit schreiben musste und das Wochenende vorher im Zeichen des Mathelernens stand. Die Menge, die zu lernen war, deutete darauf hin, dass die Übungsaufgaben der letzten vier Wochen nicht ganz so akribisch abgearbeitet worden waren oder um es anderes auszudrücken: gar nicht.

Marc war samstags damit beschäftigt, Annika, die von Freitag auf Samstag bei ihrer Freundin übernachtet hatte, wieder abzuholen, so dass ich mich mit Tommi hinsetze und lernte. Es machte wirklich Spaß und klappte auch total gut. Interessanterweise läuft es auch immer viel „harmonischer“ ab, wenn ich mit Tommi lerne, als wenn Vater und Sohn lernen (wer kennt’s?).

Sonntag ging es dann weiter und aufgrund von Unterbrechungen waren wir dann bis Sonntag abends um 17 Uhr beschäftigt. Tommi verabschiedete sich dann zum Spielen mit seiner VR-Brille und ich schleppte die Bügelwäsche, die Tommis und Annikas Klamotten von Uschi enthielt, zum Bügelbrett.

Ich war irgendwie „ausgelaugt“. Ich hoffe, Du verstehst wie ich das meine? Natürlich war mein Tageswerk nicht so anstrengend wie ständig auf kleine Kinder aufzupassen, aber irgendwie war ich „durch“ nach zwei Tagen Mathelernen und einem Wochenende mit nur „Kinder, Kinder, Kinder“. Schließlich stand für mich am nächsten Tag auch der Beginn in eine neue Arbeitswoche an und von Erholung konnte ich nach dem Wochenende nun wirklich nicht sprechen. Innerlich hakte ich das Wochenende ab.


Vier Tage später suchte ich meine mir inzwischen so lieb gewonnene Therapeutin Anke auf, um mit ihr das Drama um Annika zu besprechen (hier geht’s zum Artikel). Wir sprachen über dies und das und jedenfalls erzählte ich dann, dass ich mit Tommi das ganze Wochenende gelernt hatte und mich aber Sonntag abends total ausgebrannt gefühlt hatte, obwohl es echt Spaß gemacht hatte. Anke fragte mich, warum ich das denn dann gemacht hätte?

Gute Frage. Ich bildete mir ein, dass ich irgendwie „verantwortlich“ dafür war, dass Tommis Mathearbeit in der kommenden Woche klappte.

Anke guckte mich mit großen Augen an: „Wieso bist Du denn verantwortlich für Tommis Mathearbeit?“

Ich antwortete: „Naja, offensichtlich hat sich Uschi mal wieder nicht gekümmert und jetzt ist er am Wochenende hier. Wenn wir nicht lernen, dann geht die Arbeit in die Hose.“

Anke entgegnete: „Nun ja, eigentlich ist ja nur Tommi verantwortlich, denn der hätte die Übungsaufgaben ja machen müssen.“

Ich stimmte dem zu und gab dann aber auch zu, dass es mir ein mini gutes Gefühl gab, die Situation zu retten – frei nach dem Motto: „Uschi hatte es mal wieder vergeigt. Da muss wohl Jule im Heldinnencape anflattern und den Karren aus der Sch… ziehen.“

Anke fragte mich, wie lange dieses Hochgefühl denn bei mir andauerte? „Och, schon so lange, bis die gute Note zurückkommt.“

Die Frage war natürlich, ob ich mich jetzt nur über Tommis gute Note freute oder vielleicht noch über etwas anderes?

Da musste ich zugeben, dass es mir ein Gefühl der „Überlegenheit“ geben würde, wenn ich es besser machte als Uschi.

Anke fragte mich dann, ob ich mich oft mit Uschi verglich? Ich verneinte; Uschi und ich sind total unterschiedlich und ich finde mich persönlich um 1000 Klassen besser ;-). Einen Vergleich, dass sie ja „Hochzeit & Kinder“ mit Marc hätte und ich nicht, hatte ich noch nie angestellt und dieser Gedanke machte auch nichts mit mir.

Ich war also überzeugt, dass ich mich nun definitiv nicht mit Uschi verglich.


Anke fragte mich dann, wozu ich dann besser sein wollte als Uschi? Hm, tja nun… so wirklich wusste ich das auch nicht!

Anke und ich sprachen dann noch ein wenig über Uschis Rolle in der Familie und die Tatsache, dass Uschi die „perfekte Mutter“ für ihre Kinder sei, denn kein anderer Mensch auf diesem Planeten würde jemals so perfekt auf ihre Kinder passen wie sie.

Und es würde übrigens auch nicht helfen, dass ich ganz viel Mathe mit Tommi üben würde – ich könnte per Definition nicht an Uschi herankommen.

Ein spannender Aspekt, den ich so noch nicht verinnerlicht hatte.


Anke fragte mich, ob ich auch andere Handlungsoptionen gehabt hätte?

Ich antwortete ihr, dass ich zwar kurz überlegt hatte, dass auch Marc mit Tommi hätte lernen können, aber irgendwie half ich ja gerne und zwischen mir und Tommi lief es ja auch ganz friedlich. Außerdem machte Marc ja eh schon so viel.


Anke meinte dann, dass es ja auch seine Kinder wären. Ja, da hatte sie natürlich recht, aber ich will doch auch meinen Partner unterstützen! Zeichnet das nicht auch eine gute Beziehung aus? Dass man sich gegenseitig unterstützt?

Anke bejahte dies, aber wies darauf hin, dass ich ja schon Samstag unterstützt hätte. Sie fragte mich, was ich denn befürchtet hätte, was passieren könnte, wenn ich sonntags nicht auch noch hätte Mathe lernen wollen?

Ich rutschte unsicher auf meinem Stuhl hin und her… Ja, was befürchtete ich eigentlich?


Hier vielleicht ein kurzer Break: stell‘ Dir die Frage einmal selber und mach‘ gerne ein paar Minuten Pause bevor Du weiterliest. Denn meine Antwort ist natürlich nur auf mich gemünzt und kann bei Dir ja ganz anders ausfallen.


Nachdem ich ein wenig hin und her überlegt hatte, sagte ich schließlich: „Ich vermute, dass er das hätte blöd finden können.“

Anke hakte nach: „Ja, aber warum denn? Du hast doch schon am Samstag mit Tommi gelernt und Tommi ist ja schließlich nicht Dein Kind.“

Super coole Frage, die Anke da stellte… und ich wusste schon, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Ja, warum genau musste ich denn was leisten? Oder anders gefragt: warum DACHTE ICH, dass ich was leisten müsste?

Anke fragte weiter: „Denkst Du, dass Marc wirklich von Dir erwartet, dass Du mit Tommi lernst?“

Ich verzog das Gesicht: „Nein. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass er das überhaupt nicht von mir erwartet.“

Anke: „Meinst Du dann, dass er es wirklich blöd finden würde, wenn Du nicht mit Tommi gelernt hättest?“

Gut, die Antwort auf die Frage war dann auch klar: „Nein, er würde es vermutlich nicht blöd finden.“

Anke wieder: „Ok. Jetzt kommt die spannende Frage, warum Du selber denkst, dass Du etwas leisten musst?“

Die Antwort war für mich dann offensichtlich und nach der letzten Sitzung bei Anke dann plötzlich glasklar: „Weil ich denke, dass ich etwas leisten muss, damit man mich liebt.“


Vielleicht kennst Du das auch? Natürlich kommt so ein Glaube aus der Kindheit – ganz unterschiedlich sind natürlich die Gründe, warum man so etwas denkt.

Bei mir auf jeden Fall ein bekanntest Pattern: gute Noten schreiben, tolle Sportergebnisse erzielen, erfolgreich im Studium und Beruf sein, und soweiter undsofort. Nicht umsonst laufe ich ja Marathon. Wie gesagt: bei MIR ein bekanntes Pattern – ich muss etwas besonderes machen, damit man mich liebt. In meinem Kopf ist es unvorstellbar, einfach nur „ich zu sein“ und dafür exklusiv geliebt zu werden.


Bäm!


In my face. Da lag sie also meine Wahrheit. Niemand, wirklich niemand (nicht die leibliche Mutter, nicht der Kindsvater, nicht der Bonussohn, nicht die Gesellschaft) also wirklich niemand erwartete von mir, dass ich mit Tommi Mathe lernte! Nur ich „erwartete“ das von mir!! Bzw. musste das tun, um in meiner Denke als „liebenswert“ angesehen zu werden. Puh, harter Tobak.


Anke setzte noch einen drauf: „Denkst Du, dass Marc Dich liebt?“

Ich grinste: „Ja, glaub ich schon.“

Anke weiter: „Denkst Du, dass er Dich auch liebt, wenn Du nicht mit Tommi Mathe lernst?“

Ich rollte die Augen: „Hm, ja klar.“

Anke kam zum Finale: „Was denkst Du, wünscht sich Marc für Dich?“

Ich: „Vermutlich, dass ich glücklich bin.“

Anke: „Wie wärst Du Sonntagnachmittag glücklich gewesen?“

Ich: „Wenn ich gemacht hätte, wo drauf ich Lust gehabt hätte.“

Anke: „Genau. Wenn Du gemacht hättest, wo drauf Du Lust gehabt hättest, dann wärst Du glücklich gewesen und Marc obendrein, denn Du wärst glücklich gewesen. Also win-win für beide. Und Marc wäre Dir ganz sicher nicht sauer gewesen.“

Puh – ich kam mir fast ein wenig „dumm“ vor.


Vielleicht kennst Du solche Gedanken?

Meistens haben Menschen, die in der Kindheit und im weiteren Leben sehr angepasst waren (höre auch gerne zu dem Thema in die super Podcasts der tollen Stefanie Stahl rein), solche Gedanken. In der Kindheit hat man sich antrainiert, angepasst zu sein: nicht auffallen, nicht stören, sondern lieber die Erwartungen der anderen zu erfüllen, damit diese glücklich sind.

Wer wird dabei garantiert nicht glücklich? Du ahnst es schon: Du selber.

Und je länger Du das System fährst, umso schwieriger wird es, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse überhaupt zu hören und aus dem Rad auszusteigen.


Schnelle Tipps, wie man aus diesem Rad aussteigen kann, kamen dann auch aus der Instagram Community:
Einfach mal versuchen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man das angehen kann. Wenn Dein Problem auch ist, dass Du vielleicht gar nicht weißt, was Du selber willst, könntest Du mit einer Frage an den Partner starten: „Was erwartest Du von mir?“ Oder:

„Was wünscht Du Dir von mir, womit ich Dir oder den Kindern dieses Wochenende helfe?“

Hier hat man die Möglichkeit, aus dem Erwartungsrad, das man vielleicht selber in seinem Kopf hat, auszusteigen. Hey – dein Partner erwartet gar nicht, dass Du mit dem Kind Mathe lernst! Super! Wenn DU keine Lust darauf hast, dann mache es auch nicht!

Denn keiner erwartet es von Dir – nur Du erzählst Dir eine Geschichte, dass Du es „tun müsstest“.


Für die ganz angepassten unter uns: Gehe kleine Schritte.

Am ersten Wochenende machst Du eine Sache nicht, die Du sonst garantiert gemacht hättest.

Am zweiten Wochenende machst Du zwei Sachen nicht, die Du sonst garantiert gemacht hättest, usw.

Je öfter Du es machst, desto selbstverständlicher wird es für Dich und fühlt sich immer natürlicher an. Und irgendwann wirst Du es richtig genießen, „nein“ zu sagen und zu Deinen Wünschen und Bedürfnissen zu stehen.


Wenn Du an diesem Punkt bereits bist, dass Du weißt, was Deine Wünsche und Bedürfnisse sind, dann ist es das „A und O“ Deine Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren. Also ganz besonders Deinem Partner zu sagen, was Deine Wünsche und Bedürfnisse sind. Oft erwarten gerade wir Frauen, dass man uns alle Wünsche von den Lippen abliest, ohne, dass wir etwas sagen oder tun müssten.

Wenn Du das nicht bei anderen Menschen kannst, dann können es vermutlich andere Menschen auch nicht bei Dir. Also hau raus, was Du denkst und Du wirst sehen, was möglich ist.

Denkbar sind hier auch Kompromisse, denn es geht ja auch nicht nur darum, dass Du 100% auf Biegen und Brechen Deinen Willen durchsetzt – schließlich seid Ihr ja noch in Eurem Mikro-Kosmo „Patchworkfamilie“, die in Summe funktionieren soll.

Ein ausgewogenes Geben und Nehmen sollte im Idealfall Euer Ziel sein.


Wie ist es bei Dir? Kennst Du es auch das „schlechte Gewissen“ und dass Du Dinge tust, obwohl Du es eigentlich gar nicht willst?

Wie gehst Du damit um und wie löst Du die Situation für Dich auf? Hast Du vielleicht noch weitere Tipps?

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Hinweis: Der nächste Stiefmutterstammtisch findet in der ersten Aprilwoche online statt. Wenn Du Lust hast, dabei zu sein, melde Dich einfach bei mir!



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