• Gastbeitrag

Sarah's Brief an die Kindsmutter



Liebe Mutter meiner Bonuskinder,

ich bin es, die „weitere Person“ im Leben deiner Kinder.


Eine E-Mail war es, von Johanns Fußballtrainer, die wir erhielten. Was stand drin? Ziemlich Belangloses: „Hallo, Johann braucht jetzt wirklich dringend die Fußball-App. Hier nochmal die Zugangsdaten. Danke. Viele Grüße, Trainer“ Adressiert wurde die Nachricht an dein Mailpostfach, an den Papa. Und an mich.

Da platzte in dir eine Bombe. Du hast dem Trainer geantwortet. Nachts. Vielleicht im Rausch. Vielleicht unter Tränen. Sicherlich mit richtig Wut im Bauch und ordentlich „Prass“ in den Tasten hast du getippt, er solle sich hüten noch einmal eine „weitere Person“ in den Mailverteiler zu nehmen. Nur du und der Papa seien Erziehungsberechtigte und eine „weitere Person“ ginge Informationen über dein Kind überhaupt nichts an. Auch nicht im BCC und auch sonst nicht hinter deinem Rücken. Das ist zu respektieren und du verbittest dir das für die Zukunft. Du hast bewusst diese Nachricht an den Trainer auch an mich geschickt, damit ich bei der Gelegenheit auch mal Bescheid weiß, wo hier mein Platz im „Spiel“ ist. Eine „weitere Person“, nicht mehr und nicht weniger. Bam!


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, ich möchte dir was erklären.

Der Trainer hat die Nachricht an mich gesendet, weil du es nicht geschafft hast, das simple Einrichten einer App für deinen Sohn zu erledigen oder ihn einfach mal daran zu erinnern, es selbst zu tun.

Der Trainer hat die Mail aber auch an mich gesendet, weil auch Papa nicht tätig wurde.

Womöglich ein banaler Grund: Das eine Elternteil dachte, das andere macht's. Dann passiert sowas. Elternkommunikation ist ja so Sache bei euch: Es gibt keine.

Der Trainer hat also einfach so meinen Namen in die Empfängerspalte eingefügt. Wir hatten ihn nicht um Aufnahme in den Verteiler gebeten. Vielleicht, sehr sicher sogar, war das ein Versuch des Trainers, eine pragmatische Idee, hier für Johann schnell und endlich eine Lösung herbeizuführen. Für den Kleinen! Mehr war es nicht. Er kennt mich halt auch - ich habe immerhin euren Sohn schon mehrfach zum Training gebracht und zum Spiel begleitet. Ja, das ist hin und wieder vorgekommen, dass ich das für Johanns Papa „erledigt“ habe in den letzten Jahren. Und was meinst du, wer hat Johann wohl am Wochenende gebeten, die App auf sein Handy zu ziehen? Wer wird das gewesen sein? Richtig, die „weitere Person“.


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, ja, genau das bin ich gewesen.

Ich bringe euren Sohn zu seinen Trainings, feuere ihn bei Spielen an, wasche die verschwitzten Trikots seiner heißgeliebten Fußballmannschaft, helfe bei Turnieren aus. Abseits des Fußballs bin ich diejenige, die ihm morgens sein Brot schmiert. Ich bin diejenige, die mit ihm Mathe lernt und ich freue mich so sehr mit ihm, wenn er nach 5 und 6en in der wichtigen Arbeit eine 2 schafft – weil ich ihm das verständlich erklären konnte. Er gibt mir High Five, wenn er einen Aufgabenblock ohne Fehler gelöst hat oder die Vokabeln alle kennt. Ich beaufsichtige und korrigiere mit ihm die Hausaufgaben und erinnere ihn dran, alles für die Schule zu erledigen, bevor die Spielekonsole angeht. Das findet er total bescheuert und das nervt ihn auch, aber er gibt sich dran. Wenn alles dann erledigt ist, fühlt er sich gut. Wir haben Running Gags und Insider, euer Sohn und ich. Ich bin diejenige, die seine Wunden verarztet, wenn er mal wieder eine Schramme mit nach Hause bringt oder ich kühle seine Wespenstiche, die er ja irgendwie auch magisch anzieht. Wenn er bei uns ist, koche ich sein Lieblingsessen. Ich kaufe Geschenke zu seinem Geburtstag, bereite ihm jedes Jahr einen wunderschönen Geburtstagstisch, packe Päckchen oder backe Kuchen für die Schulklasse. Unser Urlaub wird jedes Jahr auch nach ihm geplant, nach dem was er gerne machen mag und wir kommen alle auf unsere Kosten. Keiner wird vergessen. Ich bringe ihn zu seinen Freunden am Nachmittag oder bereite das Männer-Frühstück mit Speck und Ei, wenn er und seine Kumpels an den Papa-Samstagen eine Übernachtungs-Party feiern. Oder er liegt einfach abends mit uns auf der Couch und wir schauen zusammen einen Film. Du liest richtig, er zwischen seinem Papa und mir. Mit Popcorn und seinen Lieblingschips. Die scharfen der einen bestimmten Marke. Was schreib ich dir, die kennst du sicher. Ich mache das nicht, um ihn von dir wegzulocken. Ich gehe einfach mit ihm um, wie ich mit allen Kindern in unserem Haushalt umgehe. Ich mache auch keine Unterschiede zwischen deinen und meinen.


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, wenn du das liest, ist das alles neu für dich?

Was glaubst du denn, was Johann an den Papa-Wochenenden bei uns macht und mit wem? Du fragst ihn doch immer aus, schwärmt er von den Wochenenden? Erzählt er von mir? Ganz sicher nicht. Kann er ja nicht. Das möchte er dir nicht zumuten. Er verschweigt es, um dich nicht zu verletzen. Weil du deine Emotionen nicht im Griff hast, schränkt er seine ein. Genau wie sein Denken, sein Handeln, seine Worte, die er vor dem Aussprechen erst überdenken muss. Ich wette, er hat vor dir noch nie meinen Namen ausgesprochen. Er kann bei dir überhaupt nicht sein, wie er gerne wäre – erst recht nicht ausgelassen oder unbeschwert. Dann wäre er ja rücksichtslos dir gegenüber. Wenn ich mit Johann unterwegs bin, dann ist das für alle, die uns begegnen, total normal. Nur nicht für ihn, denn er ist derjenige, der sich hundertfach umschaut, ob du nicht in der Nähe bist. Nichts wäre für ihn schlimmer, als wenn wir uns zufällig über den Weg laufen würden. Er fürchtet sich vor deiner Reaktion. Vielleicht auch vor meiner. Auf jeden Fall ist er sehr unsicher. (Herrje, das schmerzt ja schon beim Schreiben).

Ist es das, was dich so getriggert hat in der Mail mit meiner Mailadresse? Weil darin ganz deutlich wurde, dass eure Trennung und unsere Patchworkfamilie nach so langer Zeit für Außenstehende wie z.B. den Fußballtrainer total ‚normal‘ geworden ist? Dass sich Niemand mehr darum schert, wie das alles zustande gekommen ist? Dass, und jetzt nutze ich deine Worte mal, „weitere Personen“ auch einfach davon ausgehen, dass es für uns – für dich, Papa, Johann und mich – mittlerweile Alltag geworden ist?

Oder hat dich die Tatsache gestört, dass auch ich mich um und für dein Kind sorge? Für dich bin ich offenbar nicht mehr als ein flüchtiger Kontakt der Jungs, eine „weitere Person“, die noch nicht mal der Fußballclub deines Sohnes was angeht. Warum erwähnst du, dass ich ausdrücklich „Nicht-erziehungsberechtigt“ bin? Hatte die Bitte des Trainers was mit Erziehung zu tun? Und für deinen zweiten Sohn, was bin ich denn in deinen Augen für ihn? Er lebt komplett bei uns, seit fast 2 Jahren schon. Da ist die Liste mit Dingen, die ich für ihn so mache, übrigens noch länger. Dinge, die eigentlich auch deine Aufgabe wären. Wahrlich Aufgaben der Erziehungsberechtigten. Für ihn besuche ich Elternabende oder nehme mit ihm Arzttermine wahr. Schule und Arzt haben die Stiefelternvollmacht akzeptiert. Für die bin ich also etwas mehr, als die „weitere Person“. Ich bin die Stiefmutter. Für den Trainer eben auch – ganz ohne Vollmacht.


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, was erwartest du?

Vom Trainer erwartest du, dass er auf deine Gefühle Rücksicht nimmt. Dass es hier um Johann geht, ist wie immer egal. Von mir erwartest du, dass ich mich von „deinem Kind“ fernhalte. Wieder geht es dabei nur um dich, denn es würde dem Jungen ja nichts bringen, oder? Was genau erwartest du denn von ihm? Dass er an den Wochenenden oder in den Ferien, oder wann immer er bei uns ist, direkt nach Ankunft in sein Zimmer verschwindet und sonntags vor Abfahrt da erst wieder rauskommt? Uns alle meidet, am besten nicht mit uns spricht oder und erst recht nicht sowas wie SPASS hat? Mich mit Missachtung straft oder nicht ernst nimmt in „Du hast-mir-gar-nichts-zu-sagen – Manier“? Das würde dich stolz machen, richtig?

Ich weiß, dass du ihn dahin bringen möchtest, mich genauso zu hassen, wie du es tust. Du erzählst ihm Geschichten von mir, die schlichtweg nicht stimmen. Du lügst ihn an. Du schürst Ängste. Ich weiß das und, viel schlimmer, man merkt es Johann einfach an. Es dauert manchmal lange, bis er wieder aufgetaut ist und wir wieder warm sind, wenn er zu uns kommt. Dann ist er mitunter anfangs auch echt fies zu mir. So fies, es würde dich zutiefst freuen.

Und ja, das bedrückt mich. Es beschäftigt mich und es ist oft Thema in den Gesprächen mit meinem Mann. Es bedrückt mich, aber anders, als du jetzt denkst. Denn ich verstehe, warum er so reagiert, warum er das machen muss. Du bist der Grund und deine Worte hallen nach. Von Stunde zu Stunde werden sie leiser und bald schon, spätestens am Abend, wird er nicht mehr drüber nachdenken und hier bei uns einfach „Johann“ sein.

Es beschäftigt uns immer die Frage, wann du endlich einsehen wirst, dass du nicht uns damit schadest, nicht deinem Ex-Mann eins reinwürgst oder mir. Du schadest deinem Sohn. Du strafst nicht mich oder deinen Ex-Mann, auch wenn du das dir erhoffst. Damit strafst du einzig und allein ihn, deinen eigenen Sohn. Das ist auch das einzige, das mich daran stört. Dass ich es dem Kind anmerke, dass es leidet und du das einfach in Kauf nimmst. Dass ich genau weiß, dass du ihm irre Geschichten erzählst und ihm die Zeit mit mir oder uns allen, madig zu machen versuchst. Dass er seit 4 Jahren zwischen den Stühlen stehen muss, weil du ihn da positioniert hast und ihn genau da, mit deinen Worten und perfiden Aktionen, so fixiert hast - wie einbetoniert. Lass ihn sich doch endlich entspannt hinsetzen dürfen: In der Mama-Zeit auf dem einen Stuhl, in der Papa-Zeit auf dem anderen. Unbeschwert. Ohne darüber nachdenken zu müssen, ob das für dich ok ist. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Mehr ist es doch gar nicht. Aber was weiß ich schon, ich bin ja hier nur die „weitere Person“.


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, ich verstehe deinen Hass.

Ich erkenne deine Unzufriedenheit. Ja, du hast dir das alles nicht ausgesucht. Du hast mich nicht ausgesucht, für deine Kinder. Trotzdem würde ich mir für dich wünschen, endlich die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Nach den vielen Jahren wenigstens mal zu beginnen, damit umzugehen oder zu akzeptieren.

Ich will überhaupt nichts mit dir zu tun haben. Wie du. Ich will nicht, dass wir uns verstehen-das willst du doch auch nicht. Auch nicht für die Kinder. Warum auch? Ich verabscheue die Art, wie du mit den Kindern und uns umgehst. Ich verabscheue dich dafür. Du bist für mich genau das, was ich für dich bin. Ich halte nichts von dir. Gar nichts. Dich möchte ich in meinem Leben genauso wenig haben, wie du mich in deinem. Und ja, ich soll ja auch für deine Kinder in deren Leben keine Rolle spielen. Warum dreht sich dein Leben dann nur um mich? Wenn du mich nicht erdulden kannst, warum lässt du mich nicht einfach raus? Warum nutzt du Ultimatums: „Ich komme nur, wenn die nicht kommt?“ Damit schränkst du doch nur dich selbst ein. Das würde mir nie einfallen, mich von einer „wildfremden, weiteren Person“ einschränken zu lassen und einer Veranstaltung fern zu bleiben, erst recht nicht, wenn es sich um Lebensereignisse meiner Kinder handelt. Es macht mir überhaupt nichts aus, wenn du deine Jungs mal bei uns abholst, anstatt Treffen ausfallen zu lassen, weil sie mal keiner, wie befohlen, bringen kann. Es würde mich für die Beiden freuen, wenn sie nicht jedes auch noch so kurze Treffen mit dir minutiös planen müssten, wie die Trauerzeremonie der Queen, nur damit du mir nicht begegnen musst. Sich die Finger wund telefonieren müssten, nach Mitfahrgelegenheiten, wenn Papa, Opa, Oma, Tante, Onkel . . . oder ich – sie zu von dir festgelegten Zeiten nicht zu dir bringen können. Oder sie nicht kilometerweit zu beknackten Pickup-Punkten laufen müssten, weil du dich nicht im Stande siehst, dich unserem Haus auf 2 km zu nähern. Keine 100 Meter würde ich für dich Umweg fahren, wenn das bedeuten würde, dass ich meine Kinder nicht sehen könnte.


Liebe Mutter meiner Bonuskinder, ich richte diese Worte an dich. Ich bin eigentlich nicht diejenige, die dir das sagen müsste. Es sind deine Freundinnen, deine Beraterinnen, deine Familie. Die müssten dich langsam auf den Boden zurückholen. Dir sagen, dass es langsam mal gut ist. Dich bestärken, mit dem Thema abzuschließen. Wir geben dir und ihnen überhaupt keinen Anlass, ständig weiter Öl ins Feuer zu gießen. Es ändert nichts, wenn sich dein Leben nur wie ein Zirkel um unseres dreht. Damit kommst du nicht vom Fleck. Es bringt dir nichts, dein Glück an unser Unglück zu koppeln. Im Gegenteil, das führt auch dich ins Unglück. Deine beiden Kinder ganz sicher. Einen tiefen Graben hast du in der ganzen Zeit schon gebuddelt - da kommt keiner der beiden Jungs mehr drüber. Es würde mich wundern. Dein ältester Sohn steht auf der anderen Seite des Grabens, weit entfernt von dir. Er ist übergesiedelt, als es noch ging. Als das Wasser zwar schon tief, aber noch nicht unüberwindbar war. Anstatt ihm eine Brücke zu bauen, die wenigstens hin und wieder zur dir zurückführt oder ihm wenigstens die Hand zu reichen, verwendest du alle Kraft, um weiter zu buddeln und das Wasser wird immer tiefer und tiefer. Für Johann wird jede „Überfahrt“ auf die jeweils andere Seite zum Kraftakt. Überlege dir mal, ob es das alles wert ist.

Die Antwort deines Ältesten auf ein Ultimatum im letzten Jahr war klar und eindeutig: „Dann musst du wohl zuhause bleiben.“ Spätestens seit diesem Satz hätte dir klar sein müssen, dass ich weit mehr bin, als die „weitere Person“. Spätestens dann.

Mit freundlichen Grüßen

Sarah, Bonusmutter deiner Kinder



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