• Bonusmutter Jule

Über den Rollentausch

Aktualisiert: 18. März



Nachdem ich letzte Woche über schöne Beschäftigungen mit den Kindern geschrieben hatte, zeigte mir diese Woche einmal wieder mehr, dass meine Pläne oft nicht viel mit dem zu tun haben, was die Kinder wollen. Unsere Woche lief durch deutlich gechillter ab, als von mir noch vorgesehen – schließlich waren ja auch Ferien. Manchmal muss man sich auch einfach dem Flow, den die Kids vorgeben, hingeben. Denn zuweilen wissen sie besser, was man eigentlich braucht… nämlich Erholung und nicht eine Aktivität, die die nächste jagt.


Festgehalten habe ich aber an meinem Wunsch, täglich – zumindest kurz – an der frischen Luft zu sein. Auch wenn ich so manche Diskussion erleben durfte.


Spaziergang mit Wolly

Mittwoch ging ich mit Tommi und dem Nachbarshund Wolly spazieren. Es hatte mittwochs geschneit und bereits vormittags hatte Marc mit Tommi diskutiert, ob Gummistiefel bei drei Grad das angemessene Schuhwerk seien. Tommi zog dann motzend seine warmen Wanderstiefel an.


Als Tommi und ich nachmittags dann mit Wolly losziehen wollten, erwartete mich die gleiche Diskussion. Da wir mit dem Hund oft in den Wald gehen, in dem es auch einen Fluss gibt, erlaubte ich Tommi, seine Gummistiefel anzuziehen, bat ihn aber, wenigstens seine Skisocken anzuziehen. Ich dachte, ich täte ihm einen Gefallen, aber weit gefehlt! Tommi fand es noch eine viel größere Zumutung, jetzt seine Socken wechseln zu müssen.


Ich stellte ihn vor die Wahl: Socken anlassen und Wanderschuhe anziehen oder Skisocken anziehen und Gummistiefel tragen. Er entschied sich für die Wanderschuhe und verließ meckernd das Haus.

Er war so sauer, dass er Wolly nicht an der Leine nehmen wollte, sondern es mir überließ.


Wir diskutierten über die Sockendicke der Socken, die er aktuell trug. Ich erklärte ihm, dass es sich um die gleichen Socken handelte, die er auch im Sommer trage. Außerdem wollte ich auch Marc nicht vollständig in den Rücken fallen, weswegen ich die Skisocken gefordert hatte. Ihm wurde klar, dass man unter gleichen Bedingungen kein anderes Ergebnis erreichen kann.


Wir liefen weiter, aber Tommi schmollte immer noch. Nach circa der Hälfte des Weges wollte er umkehren, was ich natürlich nicht wollte. Wir marschierten weiter und versuchten Argumente auszutauschen. Tommis Totschlagargument war „der weitere Weg ist scheiße“, was ich nicht als Argument durchgehen ließ. Ich wollte es genauer wissen, was denn so „scheiße“ war? Das konnte Tommi nicht begründen, so dass mein Argument „einen neuen Weg zu gehen“ das einzig stichhaltige Argument war.


Die Opferrolle

Als Tommi merkte, dass er mit seiner Argumentation nicht weiterkam, wechselte er in die Opferrolle: „Das ist so gemein! NIE wird das gemacht, was ich will.“

Ich guckte ihn an und fragte „Bist Du Dir sicher, dass NIE das gemacht wird, was Du willst?“

Er steigerte sich in seine Opferrolle hinein: „Ja, es wird immer nur das gemacht, was Annika will. NIE bekomme ich, was ich will.“

Ich antwortete: „Ok, alles klar. Dann müssen wir wohl, wenn wir gleich nach Hause kommen, den Grünkohl, den ich heute mittag vorgekocht habe, vernichten, damit Deine Aussage stimmt. Denn Du warst derjenige, der sich Grünkohl gewünscht hatte.“


Tommi grinste und merkte (meine Interpretation) selber, dass seine Aussage so nicht stimmte. Er meinte dann grinsend „Na, eigentlich mag ich den Grünkohl gar nicht so.“

Von da an war die schlechte Stimmung gebrochen und wir hatten einen schönen restlichen Spaziergang.


Als wir nach Hause kamen, meinte er noch, „bah, was stinkt das hier nach Grünkohl“ und grinste. Marc konnte diese Aussage nicht so ganz einsortieren, wie man seinem ratlosen Gesicht ansah. Ich grinste Tommi nur an und sagte „ja, ja“.


Donnerstagabend hatten wir ein ähnliches Thema mit Annika, die absolut steil ging, als Marc entschied, dass wir die Dokumentation „Seaspiracy“ vorschlugen. Annika warf uns vor, dass es vereinbart worden sei (mit wem wissen wir nicht genau), dass jeden zweiten Abend die Kinder das Fernsehprogramm bestimmen dürften und wir diese Vereinbarung brächen. Marc teilte mit, dass er bestimme, was abends geschaut werde. Annika – in bester Teeniemanier – bockte rum und weigerte sich, sich auf die Couch zu setzen; sie wollte Anime sehen. Marc meinte, dass sie das schon den halben Tag täte. Annika war immer noch nicht einsichtig.


Ich merkte, dass die Stimmung zwischen Vater und Tochter zu kippen drohte und schaltete mich ein (,obwohl ich das eigentlich gar nicht mehr tun wollte). Ich sagte Annika, dass sie sich, was ihren täglichen Anime Konsum anginge, nun wirklich nicht beschweren könnte. Darüber hinaus schlug ich vor, dass wir morgen mal tagsüber eine schöne Wanderung machen könnten und wenn die Kids dann nicht 2-3 Stunden ihre Animes geschaut hätten, wir dann auch abends gerne mal gemeinsam ihren Animefilm schauen könnte.


Annika stimmte dem zu unter der Prämisse, dass ich dies hoch und heilig versprach, dass das so kommen werde. Meine Forderung war lediglich, dass wir mal Zeit als Familie zusammen verbrächten und die beiden nicht die ganze Zeit vor ihren Tablets hingen.


Die Wanderung

Wir machten dann freitags eine schöne Wanderung gemeinsam, die wir mit einem Besuch in der heimischen Dönerbude abrundeten. Um halb acht abends saßen wir dann bereit vor dem Fernseher und wurden erst einmal von Annikas technischen Fähigkeiten überrascht. Das 14-jährige Mädchen, das in ihr Handy keine Rufnummer zwecks Telefonierens eingeben kann, lud bei FireTV schnell den Silk Browser runter, navigierte uns zu einer Anime Internetseite, kannte alle Kniffs und Tricks, um den gewünschten Film („My hero academia movie 1“) zu finden. Wir waren beeindruckt und schöpften Hoffnung, dass aus den „Digital Natives“ doch noch was werden könnte, wenn nur die entsprechende Motivation da sei.


Wir schauten den Film, der gar nicht sooo schlecht war, wobei Marcs Antwort, wie er den Film gefunden hat, lediglich „sehr farbenfroh“ lautete. Ein wenig anstrengend war jedoch, dass Annika die Hälfte des Films wie ein verliebter Teenie Sätze wie „Shoto Todoroki ist so süß. Ist das nicht toll, wie er winkt?“ usw. von sich gab, was dem Verständnis des Films nicht unbedingt zuträglich war (immerhin durften wir auf englisch gucken und nicht auf japanisch, was die Kids vorher vorgeschlagen hatten).


Die Kids waren auf jeden Fall zufrieden und alles war gut. Als die beiden auf dem Weg ins Bad waren, stellten Marc und ich fest, dass wir diese Gegenleistung viel zu günstig verkauft hatten. Eigentlich hätten wir mal einen ganzen Tag einen Rollentausch machen sollen, damit das Recht abends den Film bestimmen zu dürfen, auch wirklich verdient war.


Der Rollentausch

Wir stellten uns den Rollentausch wie folgt vor:


Tommi steht (statt Marc) morgens um 4 Uhr auf, um schon mal ein wenig zu arbeiten. Annika steht (statt mir) gegen halb 8 auf, um laufen zu gehen. Gegen halb 10 klopfen die Kinder an unserem Schlafzimmer, das nach Pumakäfig riecht, streicheln uns über den Kopf, flüstern ein zartes „Guten Morgen“ und machen langsam die Rollos hoch, um die Sonne reinzulassen.


Um 10:15 Uhr werden Marc und ich zum 3. Mal zum Frühstück gebeten, wo wir miesepetrig erscheinen. Da ich abends beim Buchlesen eingeschlafen war, trage ich noch die Kleidung vom Vortag, da ich es nicht geschafft habe, trotz mehrmaliger Erinnerung von Tommi, ins Bad zu gehen und mir einen Schlafanzug anzuziehen.


Ich starre lustlos auf mein Brötchen und bin nicht zu einer Kommunikation fähig. Marc schmeißt im Eifer des Gefechts direkt mal sein Wasserglas um, was zu etwas Hektik bei Annika und Tommi führt. Ich selber verharre unverändert auf meinem Platz und starre vor mich hin. Ich bin noch müde, aber ich fühle mich bereit, mit Tommi darüber zu verhandeln, ob ich ein halbes Brötchen essen möchte oder doch ein ganzes. Ich bin erfolgreich und muss jetzt nur ein halbes Brötchen essen. Die andere Hälfte (natürlich mit Nutella) werde ich später essen (oder einfach auch nicht).


So langsam werde ich warm und gewöhne mich an meine neue Rolle. Jede Frage beantworte ich von nun an mit „Oh mein Gott“ und Tommi spreche ich von jetzt an nur noch mit „Alter“ oder alternativ „Junge, was ist Dein Problem?“ an. Fragen, die auf mein generelles Unverständnis andeuten, beginnen nun mit der gängigen Redewendung „Was für?“. Ansonsten werde ich im Laufe des Tages die Worte „you know“ und „irgendwie“ geschätzte 50.000 Mal verwenden.


Marc fühlt sich nach dem Frühstück noch nicht nach Umziehen und schmeißt sich im Schlafanzug mit Handy erstmal auf seine Ausziehcouch. An sein Versprechen, sich die Zähne zu putzen, Gesicht zu waschen und anziehen, kann er sich partu nicht erinnern.

Marc und ich chillen den Vormittag ab und hören gegen 13 Uhr wie Annika und Tommi in der Küche werkeln. Um bloß nicht beim Obst schneiden oder beim Tisch decken helfen zu müssen, verharren wir brav in unseren Zimmern. Dies tun wir auch noch, nachdem man uns ein drittes Mal gebeten hat, zum Essen zu kommen.


Wir schluffen dann unmotiviert zum Esstisch und fangen einen Streit darüber an, wer die Milch aus dem Kühlschrank holen muss. Unter Gezeter schluffe ich zum Kühlschrank und schütte mir im Anschluss ca. 750ml Milch in mein Müsli. Marc hat somit Pech gehabt und ist entsprechend sauer, weil er nun warme Milch nehmen muss. Wir starten eine Diskussion über die Menge von Milch im Müsli und wer Milch in den Kühlschrank stellen muss.


Annika und Tommi raufen sich die Haare.


Eine gute Gelegenheit mich über die Härte meiner Matratze zu beschweren – zu Hause ist die schließlich viel weicher. Tommi teilt mir mit, dass auch Menschen im Krankenhaus gewendet werden müssen, nachdem sie 16 Stunden auf der Matratze gelegen haben. Dieses Argument erschließt sich mir nicht.


Ich lasse nach dem Essen meine (mit Milch noch gefüllte) Müsli-Schüssel auf dem Tisch stehen. Annika ermahnt mich und ich trotte genervt zurück zu meinem Sitzplatz, während ich mir von Tommi die Geschichte von verhungernden Kindern in Afrika anhören muss.


Für den Nachmittag ist ein Spaziergang und Volleyball spielen angesagt. Dafür kombiniere ich mein neues bauchfreies Top mit einer dünnen Leggings, knöchelfreien Socken und einer Plastiklederjacke. Tommi ist dagegen und verweist auf die Temperaturen von sieben Grad. Ich verstehe den Hype nicht – schließlich ist mir doch totaaaal warm.


Parallel ist Marc total überrascht, dass er eine Mütze, einen Schal und Handschuhe besitzt, worauf ihn Annika hinweist.

Nachdem ich zehn Minuten mit Tommi diskutiert habe, muss ich eine lange Jeans, einen Pulli und meine Daunenjacke anziehen. Es wird Zeit, über das Thema Schuhe zu diskutieren: mit diesen unsexy Wanderstiefeln gehe ich ungefähr nirgendwo hin! Dies sieht Tommi anders. Die Lautstärke seiner Stimme lässt vermuten, dass sein Geduldsfaden sich dem Ende neigt. Widerwillig ziehe ich meine Vans aus und verlasse das Haus in Wanderstiefeln. Ich teile meiner Umwelt aber mit, was ich von all dem halte.


Kaum sind wir unterwegs, möchte Marc umkehren. Spazierengehen ist seeeeehr anstrengend – besonders bergauf. Außerdem ist er viel zu warm mit der Mütze angezogen.

Inspiriert von Marc beschließe auch ich, meine Jacke aufzumachen. Geschlossen sieht die Jacke doof aus – offen kann man meinen coolen Pulli sehen.

Tommi wird langsam böse.

Parallel hält Annika einen Vortrag über Kondition und deren Vorteilhaftigkeit, wenn man z.B. Volleyball spielen will. Da Marc und ich uns beim Volleyball eh nicht bewegen, verstehen wir den Zusammenhang nicht.


Nachdem wir eine Weile gemeinsam Volleyball gespielt haben (gut, zwischendurch wurde der Volleyball auch als Fußball entwendet, was einen Monolog von Tommi über die Vergänglichkeit des Materials zur Folge hatte), beschließen Annika und Tommi, dass wir nach Hause müssen, da es Zeit fürs Abendessen ist.


Zu Hause angekommen, wartet der nächste Supergau auf uns: wir müssen duschen. D-U-S-C-H-E-N. Ich argumentiere, dass ich bereits vor zwei Tagen die Haare gewaschen hätte. Tommi schaut mich verwirrt an: „Hattest Du nicht heute morgen nasse Haare?“ – „Nein, da waren sie leicht fettig.“ Nachdem die Worte meinen Mund verlassen haben, merke ich selber, dass dies kein Argument gegen das Duschen war.


Marc wird zuerst duschen geschickt. Er hat jetzt das Planschen in der Dusche entdeckt und ist damit 30 Minuten beschäftigt bis Tommi ihn aus dem Badezimmer holt - schließlich soll ich ja auch noch vor dem Abendessen duschen.

Ich nehme mein Handy mit ins Bad, um vor dem Spiegel neue Tiktoks nachzutanzen. Könnte ich natürlich auch vor dem Spiegel in meinem Zimmer machen, aber da sind die Lichtverhältnisse nicht so optimal wie im Bad. Vor der Badezimmertüre höre ich Tommis Stimme, dass das Essen gleich fertig ist und ich mich beeilen soll. Zeit, in die Dusche zu gehen, wo ich meinen Astralkörper geschmeidig ca. 25 Minuten unter warmes Wasser stelle. Tommi poltert derweil mit der Faust an der Tür und fragt, ob es mir gut geht. Ja, warum sollte es mir nicht gut gehen??


Nach insgesamt einer Stunde erscheine ich mit Turban auf dem Kopf aus dem Badezimmer. Die Stimmung ist angespannt, was ich nicht ganz verstehe. Weil ich die Dusche nicht mit dem Schieber abgezogen habe, bekomme ich Ärger. Dabei dachte ich doch, dass Annika und Tommi auch noch duschen wollten? Ganz schön unentspannt die beiden – und eine ziemliche Unverschämheit, dass man das Essen bereits ohne mich angefangen hat. Von wegen Familienzusammenhalt und so!


Es gibt selbstgemachte Pizza. Ich merke kurz an, dass ich lieber Fertigpizza esse. Dies fällt irgendwie nicht auf fruchtbaren Boden, obwohl Marc auch schon gefragt hatte, wann es endlich mal wieder Fertigpizza gäbe?


Während des Essens macht Marc den Vorschlag „Naruto“ zu gucken. Ich widerspreche vehement – genau wie Annika und Tommi. Naruto guckt schließlich kein Mensch mehr! Ist was für Babies. Annika und Tommi schlagen vor, irgendeinen Familyfilm auf Netflix zu gucken. Äh, nein danke! Ich tue kund, wie ich das finde: „Oh mein Gott! Das ist so lame.“


Wir werden gezwungen einen Familyfilm namens „YES Day“ zu schauen – das Ende des Films kenne ich schon am Anfang. Der Spannungsbogen ist gleich null, aber immerhin gibt es zwischendurch ein Eis zum Essen. Mögliche Unterbrechungen des Films nutze ich geschickt, um an meinem Handy zu spielen. Das ist nämlich heute total vernachlässigt worden.


Um 21:30 Uhr endet der Film und ich verdünnisier mich sofort. Nicht, dass wir noch eine Serie oder ähnliches gucken müssen! Um 21:33 Uhr werde ich von den Tyrannen zurück ins Wohnzimmer zitiert und muss meinen Eisbecher wegräumen.

Marc ist bei dem langweiligen Film sogar vor dem Fernseher eingeschlafen und wird von Tommi ins Bett getragen. Ich überlege noch, ob ich es ausdiskutieren will, dass Marc nun seinen Eisbecher nicht wegräumen muss. Ich entscheide mich dagegen und schleiche auf Zehenspitzen in mein Zimmer - jetzt nicht auffallen... und dann den restlichen Abend in Ruhe genießen, ohne dass einer einem sagt, was man zu tun hat!


Tommi und Annika putzen, nachdem Marc und Jule endlich im Bett sind, noch die Küche, räumen die Spülmaschine ein und die Waschmaschine aus und fallen, nachdem sie die Wäsche aufgehangen haben, todmüde ins Bett... und verschlafen dann den restlichen Abend.


Habt Ihr manchmal auch solche Gedanken? Oder welchen Galgenhumor habt Ihr Euch so angeeignet, um manchmal nicht irre zu werden? Ich bin gespannt auf Eure Erlebnisse, Erkenntnisse und Anekdoten und freue mich über Eure Kommentare, Emails oder Anrufe.


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