• Bonusmutter Jule

Über die Ohnmacht



Eine Bonusmama hat mir die Woche geschrieben und mich gefragt, wie ich damit umgehe, wenn alles unklar ist und einen die Ungewissheit umtreibt?

Vielleicht kennst Du es auch dieses Gefühl, dass Du Dich ohnmächtig fühlst?


Eine Umfrage auf Instagram hat ergeben, dass gut 84% der Befragten das Gefühl der Ohnmacht kennen.

Wenn man nach einer Definition des Wortes sucht, spuckt Google folgendes aus:

Ohnmächtig = (in Bezug auf ein Geschehen o. Ä.) nichts ausrichten könnend (obgleich man es möchte)

Man ist – wie das Wort schon sagt – ohne Macht.


Gerade im Patchwork kommt es immer wieder zu Situation, in denen man in Bezug auf ein Geschehen nichts ausrichten kann. Nicht, weil man nicht selber fähig wäre, sondern weil einfach andere Beteiligte am Zuge sind und handeln müssten oder sollten. Problematisch ist das Ganze natürlich insoweit, dass man ja total willens wäre, etwas zu ändern.


Das Verharren

Es gibt verschiedene Verhaltensweisen, wie man damit umgehen kann. Manch einer zieht sich zurück in sein Kämmerlein und fühlt sich machtlos. Jegliches weiteres Tun fällt einem schwer, da man ja weiß, dass man eh nichts ausrichten kann – schließlich ist man ja machtlos. Man resigniert hinsichtlich der Situation (Verharren).

Das ist insofern problematisch als sich die gemachte Erfahrung auch auf andere Bereiche des Lebens ausweiten kann. Ich bin im Privatleben machtlos – in meiner Patchworkfamilie läuft alles schief. Kommt dann noch ein Tiefschlag auf der Arbeit hinzu, stellt man plötzlich das ganze Sein in Frage. Nicht gut.


Die Scham

Oft auch in Verbindung mit der Machtlosigkeit taucht ein weiteres Gefühl auf: die Scham. Wir schämen uns, dass wir es nicht besser hinbekommen. Andere Stiefmütter bekommen es doch viel besser hin. Nur ich bekomme es nicht „auf die Kette“.

Hier bietet es sich an, das Gefühl anzunehmen. Denn das ist eh der Grundgedanke hinter all unserem Tun: wir wollen das unschöne Gefühl nicht mehr fühlen! Und schwenken daher auf andere Verhaltensweisen, um uns davon abzulenken und einfach mit etwas anderem beschäftigt zu sein.


Also, versuche das Gefühl der Scham einmal anzunehmen. Was fühlst Du? Was ist es genau? Und was vor allen Dingen denkst Du über Dich?

Hier werden vermutlich nicht all zu nette Antworten kommen. Bei diesen Antworten ist es aber ganz wichtig sich selber zu fragen, ob das überhaupt stimmt, was das Gehirn einem erzählt (sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang das Buch „The work“ von Byron Katie – falls Du eh mal überprüfen möchtest, ob es so stimmt, was Dein innerer Kommentator Dir regelmäßig erzählt).

Ist es denn tatsächlich so, dass man „die unfähigste aller Stiefmütter bist?“

Und ist es tatsächlich so, dass man es alleine „schuld“ ist, dass die Situation so ist, wie sie ist? (hierzu kann ich Dir auch den Artikel „Über die Schuldige“ empfehlen).


Stimmt es wirklich, dass ich alleine alles verbockt habe?

Wenn man ganz genau hinschaut, wird man erkennen, dass in allen Fällen die Antwort stets „nein“ ist. Du bist Dich nicht die schlechte Person, weil Patchwork gerade nicht so super läuft, wie Du es gerne hättest.


Das Selbstbewusstsein

Spannenderweise ist der innere Kritiker auch immer rigoros: es läuft in einem Bereich Deines Lebens nicht… trotzdem wird Dein ganzes Sein in Frage gestellt. Und das kann ganz schön am Selbstbewusstsein kratzen.

Und glaube mir: selbst hartgesonnene Frauen, die sonst nichts so leicht aus der Bahn schmeißen kann, kommen beim Patchworken ins Schleudern. Ich selber kann mich auch in diese Riege einfügen. So fragte doch meine Lehrerin, als ich mich zum MBSR anmeldete (übrigens sehr zu empfehlen), warum ich einen Kurs für Achtsamkeit buche, ob ich denn nicht vielleicht doch Stress im Büro oder Stress in der Partnerschaft hätte? Ich verneinte mehrmals: „Nein, da ist wirklich alles schick. Mir geht es um den Umgang mit meinen Bonuskindern und die ungeklärte Situation mit der Kindsmutter. Ich möchte damit besser umgehen lernen.“

Zurück zum Thema: wenn Du Dich schämst, dass es beim Patchwork gerade unterirdisch läuft, dann mache Dir bewusst, dass es keine Schande ist, auch mal „bumps in the road“ zu haben. Oder anders ausgedrückt: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen. Und es hat nichts, absolut NICHTS, mit Deinem Selbstwert zu tun. Du bist wundervoll, so wie Du bist!


Der Aktionismus

Eine andere Möglichkeit mit der Ohnmacht umzugehen, ist – und da finden sich bestimmt viele Bonusmütter wieder – Aktionismus. Das ist der Versuch der Kontrolle einer Situation, um die Allmacht wieder zu erreichen.

Wir versuchen durch Kontrollieren der Situation wieder die Macht zu erlangen. Hier liegt vielleicht schon der erste Denkfehler. Denn das Erreichen der Allmacht ist nicht die Lösung, sondern das Problem!


Denn allmächtig bist Du nie – das ist nur der liebe Gott, das Universum, eine andere große Macht, an die Du vielleicht glaubst. Du wirst also die Allmacht nie erreichen können. Schon gar nicht im Patchwork, denn da sind – wie wir alle wissen – ja jede Menge anderer Player auf dem Spielfeld.

Trotzdem versuchen wir durch ganz viel Tun, die Kontrolle wieder zu erlangen:

- Du willst über wirklich jedes Wort, dass die Kindsmutter von sich gegeben hat, informiert werden.

- Die Kinder sollen die von Dir rausgelegten Klamotten anziehen, denn die sind bestens auf die Wetteraussichten für das Wochenende ausgelegt.

- Du willst alle Wochenenden der nächsten zwei Monate sauber durchplanen, damit Du ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe bekommst.

Guess what? Je nachdem, was Du für eine Kindsmutter hast, reißt sie Deine schöne Planung am Morgen vor dem Kinderwochenende wieder ein, denn sie wünscht sich, dass das Kind erst einen Tag später zu Euch kommt.


Womit lässt Dich das dann zurück? Du ahnst es schon… mit einem Gefühl der Machtlosigkeit, denn Du kannst vermutlich nichts daran ändern.

Der Kindsvater hat nämlich auch keinen guten Grund, auf die Anfrage der Kindsmutter „nein“ zu sagen. Auch nachdem ihr lange darüber diskutiert hat, ob man der Kindsmutter wieder nachgibt oder ob man „hart“ bleibt und Terminverschiebungen nicht duldet. Denn der Kindsvater sieht es eh auch alles was entspannter als Du. Die Kinder können kommen, wann und wie sie wollen. Und auch, wie es der Kindsmutter in den Kram passt. Bei Dir ist das aber irgendwie anders – schließlich sind es seine Kinder, für die Du Dir Zeit freischaufelst. Es nervt Dich, dass man sich nicht an Vereinbarungen hält.


Hier kannst Du natürlich versuchen, noch mehr Kontrolle auszuüben. Du versuchst den Kindsvater zu überzeugen (Argumente hast Du genug…) und letzten Endes wird es vielleicht so gemacht, wie Du willst. Vermutlich wirst Du Dich danach aber nicht supertoll fühlen. Sondern eher erschöpft und angestrengt vom vielen Kämpfen an allen Fronten. Denn es kann ja auch sein, dass die Kindsmutter mit den Kindern ins Kino wollte und weil Du jetzt „nein“ gesagt hast, hast Du nun auch zwei maulige Kinder da sitzen, die böse auf Dich sind, weil sie nicht ins Kino konnten.


Die neue Denkweise

Wie sagte schon Albert Einstein:

„Probleme kann man niemals mit der derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Du kannst also das Ohnmachtsproblem nicht durch Kontrolle hin zur Allmacht lösen. Etwas Neues muss her!


Nun – was ist denn nun das Neue?


Die neue Denkweise heißt: Einfluss nehmen. 

Verrückt, oder? Nun, mein Gehirn hat auch erstmal Purzelbäume geschlagen, bei dieser Antwort. Denn irgendwie war mir auch nicht ganz klar, wo da nun genau der Unterschied sein soll?

Vielleicht sind es die Annahmen, die ein wenig andere sind, als bei der Kontrolle.


Es klappt

Denn eine wichtige Annahme beim „Einfluss nehmen“ ist der Gedanke, sich zu öffnen für die Möglichkeit, dass es klappt. Denn wenn wir ehrlich sind, gehen wir im Kontrollmodus gerade davon aus, dass es nicht klappt, wenn wir nicht Kontrolle ausüben. Ein wenig crazy, oder? Oder ist es nicht schon ein wenig „wahnsinnig“ zu denken, dass wenn Du oder ich Kontrolle ausüben, sich irgendetwas im Universum ändert? Ich muss sogar ein wenig grinsen, während ich das schreibe. Denn – das ist jetzt ein wenig spirituell – über all unserem Leben, Themen und Problemen steht immer eine viel größere Macht (nenn es „das Leben“, das Universum, Gott, usw.). Und die gibt vor, was sein wird und was nicht. Nicht Du oder ich.


Die Akzeptanz

Ein weiterer Unterschied zur Kontrolle ist der Gedanke, dass man einen Umgang mit der Machtlosigkeit findet. Im besten Falle Akzeptanz.

Wenn Du nämlich akzeptieren kannst, dass Du eine Situation nicht ändern kannst und insoweit „machtlos“ bist, wird es für Dich viel, viel leichter werden. Du wirst nicht in den Prozess der eigenen Abwertung gehen und auch nicht für etwas kämpfen, dass Du eh nicht erreichen kannst (nämlich die Allmacht).


Wie kann man es nun machen, dass man die Machtlosigkeit akzeptiert?

Hier bietet es sich an, dass Du beim nächsten Mal, wenn Du sonst anfangen würdest, viele Dinge zu tun oder Dich in Scham zurückzuziehen, versuchst, das Gefühl einmal auszuhalten. Dass Du einmal in Dich reinfühlst und guckst, wo das Gefühl sitzt und was es mit Dir macht? Bewusstes tiefes Atmen kann in vielen Fällen (z.B. Beklemmungen im Bauch oder am Herzen) total helfen, den Körper wieder in einen Ruhezustand zurückzubringen. Das haben übrigens auch viele von Euch auf Instagram geschrieben, dass ihnen atmen total hilft, wenn das Gefühl der Machtlosigkeit aufkommt.


Und was darfst Du dem Gefühl der Machtlosigkeit sagen?

„Es ist okay, dass Du da bist. Ich fühle und ich sehe Dich und Du darfst da sein.“

Du musst rein gar nichts tun, um es wegzukommen. Keine Kontrolle, kein Organisieren, kein blinder Aktionismus, kein Diskutieren mit dem Partner. Lass es einfach da sein, denn Du hast nicht die Allmacht und darfst auch mal machtlos sein.

Oft ist in diesem Moment, wenn die Machtlosigkeit akzeptiert wird, das Gefühl gar nicht mehr so schlimm.


Grenzen anerkennen

Ganz wichtig ist es auch - das schließt daran an - dass man Grenzen anerkennt.

Die eigenen Grenzen, die Grenzen des Kindsvaters, die Grenzen der Bonuskinder, die Grenzen der Kindsmutter und wer Dir sonst noch so einfällt. Denn jeder Mensch hat Grenzen, die er nicht überschritten haben möchte. Und in manchen Fällen würden wir Bonusmütter das aber tun, um unser gewünschtes Ziel „durchzudrücken“. Das tun wir nicht böswillig, sondern wir haben die Grenzen der anderen vielleicht gar nicht auf dem Schirm und in unserem Kopf „wollen wir ja nur das Beste.“


Demut und Hingabe

Und in diesem Zusammenhang wage ich es jetzt noch, die Werte Demut und Hingabe in den Ring zu schmeißen. Denn, Lady, so hart es klingt: Du hast Dich für einen Mann mit Kindern entschieden (ja, ja, wir kennen ihn alle den Spruch „Du wusstest doch, dass er Kinder hat“). Und wenn Du es eh schon getan hast, kannst Du Dich ihm und seinen Kindern hingeben.

Ich weiß‘, man schreit jetzt innerlich auf! „Was?? Ich soll mich seinen Plagen hingeben???? Im Leben nicht.“ Und ja - das denke ich auch…


Aber: es hilft ungemein, wenn man sich in manch einer Situation einfach den Gegebenheiten hingibt. Auch wenn der Kopf schreit: „ja, kann man so machen, aber ist dann halt kacke.“ Oder „hey, das ist totaler Schwachsinn, was wir hier tun. Ich wüsste viel besser, wie wir es machen sollten, aber keiner will auf mich hören.“

Aber hey – wie oft entscheidet man im eigenen Leben Dinge, die sich nachher als Schwachsinn herausgestellt haben?

Und was auch bei so manchem Problem oder Thema eine hilfreiche Perspektive ist: „Vom Mond aus betrachtet ist es gar nicht so schlimm.“

Oder: wenn Du Dich in fünf Jahren an das Problem nicht mehr erinnern wirst, solltest Du keine fünf Minuten Deiner Zeit im Jetzt darauf verschwenden, Dich darüber aufzuregen.

Daher: einfach hingeben in das, für was Du Dich angemeldet hast.


Und ganz große Geister bekommen es sogar mit der Demut hin: Demut vor der Aufgabe, die Du angenommen hast. Denn Patchwork ist nicht einfach und sitzt man nicht auf der linken A…backe ab. Habe Demut vor der Mammutaufgabe, derer Du Dich stellst.


Paradoxon der Veränderung

In diesem Zusammenhang ist es auch ganz interessant, etwas zur Paradoxen Theorie der Veränderung zu lesen.


Die Paradoxe Theorie der Veränderung von Arnold R. Beisser besagt, dass „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“

(Quelle: Wikipedia)


Beisser hat erkannt, dass Veränderung dann geschieht, wenn man nicht mehr zwanghaft VERSUCHT sich zu ändern, sondern sich erstmal annehmen lernt so wie man wirklich ist – genau da setzt dann die heilende Veränderung ein und dieser Mensch wird frei.


Also annehmen, dass man sich machtlos fühlt.

Über das Schicksal von Arnold R. Beisser gibt es hier einen wirklich tollen Artikel.


Du kannst also unter Berücksichtigung der vorgenannten Grundsätze Einfluss nehmen auf Deine Patchworkfamilie. Dein Wissen und Deine Gedanken sind wertvoll! Du versuchts positiv zu beeinflussen und nicht zu kontrollieren. Und wenn Deine Empfehlung oder Dein Ratschlag nicht angenommen wird, ist es auch für Dich in Ordnung. Ich hoffe, der Unterschied zwischen Kontrolle und "Einfluss nehmen" ist deutlich geworden.


Ich wünsche Dir, dass Du das nächste Ohnmachtsgefühl für Dich nutzen kannst. Um etwas über Dich zu erfahren und - Patchwork sei Dank - der Mensch zu werden, der Du bist!



Welche Erfahrungen hast Du mit der Ohnmacht gemacht? Wie gehst Du damit um, wenn das Gefühl aufkommt? Was hilft bei Dir? Und konntest Du etwas aus dem Artikel für Dich mitnehmen?


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Hinweis: Der nächste Stiefmutterstammtisch findet am 09.06.2022 in Köln statt. Wenn Du Lust hast, dabei zu sein, melde Dich einfach bei mir!

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