• Bonusmutter Jule

Über die Schuldige

Aktualisiert: 18. März



Diese Woche habe ich aus Patchworksicht viel erlebt: die Kinder sind seit einer Woche da, ich war bei einer systemischen Therapeutin, um Themen anzusprechen, die sich um die Patchworksituation drehen und am Donnerstag abend war der Bonusmutter-Stammtisch online, wo ein toller Austausch mit den teilnehmenden Bonusmamas, Stiefmüttern oder Plusmamas stattgefunden hat.


Unsere Kidszeit begann offiziell am 31.12.2021, denn Uschi hatte sich gewünscht, dass sie Silvester feiern konnte. Grundsätzlich natürlich überhaupt gar kein Problem. Jedoch wünschte sich Uschi, dass die Kinder am 31.12.2021 bereits um 12 Uhr abgeholt würden, obwohl sie erst um 18 Uhr zu ihren jeweiligen Silvester-Übernachtungsparties bei Freunden eingeladen waren. Eigentlich auch kein Problem, aber wenn man 100km entfernt wohnt, wird das Ganze in Coronazeiten schon ein wenig komplizierter. Denn es machte wenig Sinn, die Kinder um 12 Uhr abzuholen, so dass sie um halb 2 bei uns sind, um dann um halb 5 wieder ins Auto zu steigen, um sie in ihre Heimat zu ihren Freunden zu bringen – es sei denn, man verbringt unglaublich gerne Zeit auf Autobahnen in NRW.

Ein Verhandeln mit Uschi war unmöglich, da sie donnerstags den Kindern bereits extremst klar und deutlich mitgeteilt hatte, was sie davon hielt, auf ihre Forderung nicht einzugehen.


Marc, der ja inzwischen Vollprofi in solchen Situationen ist, telefonierte sich mit den vier Müttern von Annikas Freundinnen zusammen sowie mit der Mutter von Tommis Freund und organisierte zwei perfekte Tage: Marc ging mit den Kindern Freitag nachmittags ins Kino und setzte alle Kinder dann im Anschluss bei ihren Übernachtungsparties ab. Am 1.1. gingen dann die jeweiligen Mütter mit Annika und den Freundinnen Schlittschuh fahren und Tommi mit seinem Kumpel in den Zoo, so dass die Kinder am 1.1. erst abends um 18 Uhr wieder abgeholt werden mussten.


Ich entspannte mich innerlich, denn aus den zehn Tagen, die die Kinder bei uns sein sollten, wurden es dann „nur“ noch acht. Denn ich konnte auch nicht mit ins Kino kommen, da schlichtweg ein Sitzplatz im Auto fehlte. Das war aber für mich überhaupt nicht schlimm, denn der Film interessierte mich nicht wirklich (ich kann jetzt noch nicht sagen, ob die Bagage in „Superman“ oder „Spiderman“ waren!?!? – so sehr interessieren mich diese Heldenfilme). Außerdem finde ich, schadet es auch nicht, dass die Kinder auch mal Exklusivzeit mit ihrem Vater haben – schließlich kommen sie ja deswegen überhaupt zum Umgang. Sie haben allerdings immer das Rundum-Paket mit mir gebucht, so dass ich es absolut unterstütze, dass die Drei auch mal was alleine machen. Ich genoss also den freien 31.12. ganz für mich.


Marc holte dann an Neujahr die Kinder ab und ich war gespannt, wie die kommenden acht Tage wohl werden würden. Tommi kam mir direkt entgegengelaufen und erzählte mir entrüstet eine Geschichte über das Testzentrum, dass sein Geburtsdatum falsch erfasst hatte, so dass sein negativer Coronatest beim Vorzeigen im Zoo nicht zu seinem Schülerausweis passte.

Bei Annika war es anders. Sie kam erstmal nicht, sondern saß im Auto. Marc ging nachschauen und trug dann seine Tochter, 14 Jahre alt und 1,75m groß, ins Haus. Ich dachte zuerst, dass sie weiterhin Kreislaufprobleme hatte, was sie bereits des Nachmittags schon gehabt hatte.

Allerdings stellte sich heraus, dass ihr Fuß eingeschlafen war, so dass sie von Marc dergestalt reingetragen wurde, dass ihr Rücken zu mir zeigte, als sie in die Küche getragen wurde. Sie saß dann auf der Bank und massierte ihren extremst schmerzenden Fuß, begleitete von „ah“ und „aua“.


Ich war innerlich angesäuert: war es eigentlich zu viel verlangt, mal kurz „hallo“ zu sagen, wenn man in einen Raum kam?

Ich erinnerte mich an die Sprüche meiner Eltern in der Jugend und auch in meiner Ausbildung: wer den Raum betritt, begrüßt die darin befindlichen.

Nun denn. Das Kind ist ein Teenie und da scheint man ja auch alles zu entschuldigen.

Zeitgleich wollte ich aber auch nicht direkt Stress machen und wusste auch, dass wenn ich ein „Hallo Annika“ sagen würde, dies sicherlich nicht ohne Unterton rauskommen würde (wer kennt’s?).


Es ging aber ähnlich weiter: ich wurde von Annika ignoriert. Sie klebte förmlich an Marcs Lippen und wich ihm nicht von der Seite. Als ich dann im Wohnzimmer saß und mit Tommi darauf wartete, dass der Rest der Runde zum Essen kam, traute sich Annika auch nicht ins Wohnzimmer, sondern belaberte Marc in der Küche mit irgendeinem Nonsens. Erst als er ins Wohnzimmer kam, folgte sie ihm unauffällig. Ich wurde den weiteren Abend ignoriert und fühlte mich als „persona non grata“.


Mit genau dieser Geschichte ging ich dann Montag abends zu einer systemischen Therapeutin, die mir Bonusmama Ramona wärmstens empfohlen hatte. Ich schilderte ihr die Geschichte, so wie ich sie Dir gerade beschrieben habe und wir untersuchten meine Gefühle dabei.


Die Gefühle, die man empfindet, wenn jemand anders etwas tut, sind natürlich höchst unterschiedlich. Es gibt auch Bonusmamas, die mir sagen, „sei doch froh, wenn das Kind nicht mit Dir sprechen will. Dann hast Du wenigstens Deine Ruhe.“ Ich gehöre jedoch zu der Kategorie Menschen, der das sehr zu schaffen macht.

Ich fühle mich in dem Moment übersehen, ignoriert, macht-, ja vielleicht sogar hilflos.


Zusammen mit der Therapeutin – nennen wir sie Anita – untersuchten wir meine Kindheit und fanden heraus, dass mir das Gefühl der Hilflosigkeit aus meiner Jugend und Kindheit bekannt war. Natürlich ist es verrückt, dass man als 40-jährige erwachsene Frau noch auf Gefühle aus seiner Kindheit anspringt, aber so ist das menschliche Gehirn eben.

Ich erkannte, dass das Gefühl, das aufgrund Annikas Verhalten bei mir ausgelöst wird, nur mit mir und meinen Erfahrungen der Vergangenheit zu tun hat. Denn, wie ich ja sonst auch gerne sage: andere Menschen können mir und anderen keine Gefühle „machen“. Das kann ich immer nur selbst tun.


Wir untersuchten weiter: Was machte es noch mit mir, dass die Situation so ist, wie sie ist?

Nun – ich wünsche mir stets Harmonie in der Familie und bin enttäuscht, wenn wir das nicht hinbekommen. Den Fehler suche ich – selbstreflektiert wie ich nun mal bin – dann oft auch bei mir:

Warum bekomme ich es nicht besser hin? Andere Frauen bekommen es doch auch hin!

Oder zumindest besser als ich!?! Vielleicht würde es eh mit einer anderen Frau an Marcs Seite mit Annika viel besser laufen? Irgendwie scheint es an mir zu liegen, dass es nicht funktioniert. Ich bin schuld, dass sie sich nicht mit oder bei mir wohlfühlt, sondern mich ignoriert.


Anita sagte dann einen ganz tollen Satz, der sich förmlich in mein Gehirn eingeprägt hat:

Wer der Schuldige ist, hat die Macht.

Mein Kopf drehte Kreise und ich guckte komisch. Wie jetzt? Ich habe die Macht, wenn ich schuld bin?

Ja, so ist das. Anita erklärte mir das wie folgt: Wenn ich die Schuld auf mich nehme, dann unterstelle ich, dass ich oder mein Verhalten ursächlich für das Geschehene ist.

Damit gebe ich mir das Gefühl, dass ich die Macht habe, Dinge verändern zu können.

Folglich bin ich machtvoll.


Spannend. (ruhig einmal sacken lassen, bevor Du weiterliest…)


Wir schauten uns die Situation vom Samstag abend an: Annika wurde hereingetragen und war so mit ihrem Füßlein beschäftigt, dass sie mich nicht grüßen konnte.

Hatte ich zu irgendeinem Zeitpunkt etwas getan, um das Verhalten auszulösen? Wohl kaum, denn wir hatten ja nichts miteinander zu tun gehabt und unser letztes Auseinandergehen war auch friedlich gewesen. Also reichte meine bloße Existenz schon aus, dass sie sich so verhielt. Von einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis konnte man also nicht sprechen.


In dem Moment jedoch, wo ich mir selber einredete, dass ich es schuld bin, dass sie sich unwohl fühlt (was übrigens auch nur meine Interpretation ihres Verhaltens ist), dreht sich das Machtverhältnis in meinem Kopf: nicht mehr sie ist die Mächtige, die durch ihr Verhalten die Situation beherrscht, sondern ich werde in meinen Gedanken zur Mächtigen, die durch mein einfaches Dasein die Reaktion auslösen kann. Ich fühle mich dann nicht mehr machtlos. Ich bin die Machtvolle und das gibt mir das gewünschte Gefühl von Sicherheit.


Vielleicht kennst Du es auch, dass Du gerne Dinge kontrollierst oder das Sagen hast? Du weißt, wie Dein Partner oder die Kinder Dinge tun sollten? Du planst, Du überwachst und überprüfst gerne?

Dann schau mal, ob es bei Dir auch sein könnte, dass Du gerne die Macht hast, also diejenige bist, die „in charge“ ist, weil Dir das ein Gefühl von Sicherheit gibt.


Anita benutzte auch noch ein sehr kraftvolles Bild um das zu verdeutlichen:

Ein kleiner Junge steht unter dem Bauch eines Elefanten und trägt den Elefanten auf seinen ausgestreckten Armen (falls Du es Dir nicht vorstellen kannst, was ich meine, schau gerne einmal hier).


Fühlst Du Dich auch manchmal so? Du bist der kleine Junge, der gefühlt den Elefanten auf seinen Schultern trägt? Die Last, dass Patchwork funktioniert, liegt auf Deinen Schultern.

Wie fühlt sich das für Dich an?


In meinem Fall konnte ich darauf nur antworten: sehr, sehr schwer.

Anita fragte weiter:

"Hat der kleine Junge denn überhaupt eine Chance, den großen Elefanten zu bewegen?"

Ich schaute mir das Bild an und musste lachen: natürlich nicht. Ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Zwar ganz süß, dass der kleine Junge sich das zur Aufgabe gemacht hat, aber es war jedem vernünftig Denkenden klar, dass er das niemals schaffen würde.


Anita fragte:

„Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn der kleine Junge den Elefanten nicht mehr tragen müsste?“

Ich vermutete, dass er sich dann sehr, sehr erleichtert fühlen müsste, wenn diese Last von seinen Schultern wäre.


Anita erzählte weiter:

„Nun, es gibt jetzt aber ein Problem: Der kleine Junge kann da jedoch nicht weggehen, denn er befürchtet, dass der Elefant umfällt, wenn er weggeht.“

Da musste ich wirklich schallend lachen.


Falls Du Dich von der Geschichte auch angesprochen fühlst, dann denke doch einfach mal öfter an den kleinen Jungen und den Elefanten. Denn auch wenn Du (als kleiner Junge) mal weggehst, wird der Elefant (das schwere Patchworkgefüge) nicht umfallen. Dabei kann Dein „Elefant“ alles sein, was Dir gerade schwer vorkommt.


Bei mir sind es Annikas Teenie-Dramen, die sie abzieht, und auf die ihr Papa auch gerne mal einsteigt. Hier kann ich als kleiner Junge auch einfach mal weggehen. Denn es ist egal, ob ich da bin und meine Arme stützend hochhalte oder es lasse. Die beiden werden ihr gemeinsames Drama zelebrieren und ich kann sie dies einfach tun lassen. Durch meine Ärmchen, die helfen wollen und Harmonie herstellen wollen, kann ich letzten Endes doch nichts bewirken, es sei denn, der Elefant entscheidet sich, etwas anderes als Drama zu wollen. Dann kann der Elefant mein Angebot annehmen und aufgreifen.

Aber so lange die anderen etwas anderes als meine Harmonie wollen, werde ich vergebens meine Arme in die Höhe reißen, um den Elefanten zu bewegen.


Dies zu wissen, lässt mich manche Situation nun entspannter ansehen und eine große Last fällt von meinen Schultern, nachdem ich erkannt habe, dass ich nicht alleine dafür Sorge tragen, dass Patchwork funktioniert. Dafür sind zu viele Beteiligte im Boot und jeder hat seine eigene Agenda.



Wie ist es bei Dir? Kannst Du mit der Elefant-Metapher etwas anfangen? Kennst Du solche Situationen, die ich beschrieben habe? Wie löst Du sie für Dich auf?

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Hinweis: Der nächste Stiefmutterstammtisch findet am Donnerstag, den 03.02.2022, online statt. Wenn Du Lust hast, dabei zu sein, melde Dich einfach bei mir!

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