• Bonusmutter Jule

Über das im Mittelpunkt stehen

Aktualisiert: 18. März



Heute möchte ich Euch von einem Samstag der besonderen Art berichten, den wir mit den Kids hatten. Es war der Samstag nach einer Woche gemeinsamer Osterferien.

Wir hatten die Familie meines Bruders für den Nachmittag eingeladen, um gemeinsam bergische Waffeln zu essen (übrigens sehr, sehr lecker!) und eventuell spazieren zu gehen.


Es waren noch Ferien, also ließen wir die Kinder ausschlafen, so dass wir erst gegen halb 11 frühstückten. Nach dem Frühstück baten wir die Kinder neben Zähneputzen, Gesicht waschen, anziehen auch noch ihre Zimmer halbwegs auf Vordermann zu bringen. Weitere Aufgaben gab es nicht, so dass sie sich dem widmen konnten, worauf sie Lust hatten.


Wir hingegen brachten die Bude auf Vordermann, kämpften noch mit einer piepsenden Waschmaschine, die nicht mehr schleudern wollte (so was passiert ja stets, wenn man Besuch bekommt!), und bereiteten parallel Waffeln, Milchreis, heiße Kirschen und Sahne vor. Kurz bevor unser Besuch kam, wurde unsere Bitte, dass gerade Annika sich nach dem Essen nicht direkt wieder in ihr Zimmer verziehen sollte, noch einmal wiederholt. Im Zuge dessen baten wir sie dann auch, den Schlafanzug auszuziehen und ein frisches T-Shirt anzuziehen. Teenies heutzutage…


Der Besuch

Der Besuch kam und mein kleiner Neffe (inzwischen 3 Jahre alt) brachte ordentlich Wind in die Bude. Tommi und mein Neffe tobten über die Couch, Annika stand unbeteiligt mit ihrem Handy in der Ecke. Da ich zwischen das Waffeleisen bedienen, meine Schwägerin unterhalten und Marc Gefäße zum Auffangen des Wassers bei der Waschmaschine hin und her jonglierte, hatte ich keinen Nerv, Annika Anweisungen á la „Stell doch bitte schon mal die Sahne auf den Tisch“ und „leg doch bitte das Handy weg“ zu geben.


Irgendwann saßen dann tatsächlich alle Mann am Tisch und alles Equipment hatte auch seinen Weg dorthin gefunden. Nun ging es darum, die bergische Waffel standesgemäß zu essen: Waffel, Milchreis, Kirschen und on top Sahne. Annika und Tommi hatten sich jeweils eine Waffel genommen und mit den Händen bereits zur Hälfte in ihren Mund geschoben als sie feststellten, wie das Ganze zu zelebrieren war. Mir war die Situation bereits ein wenig unangenehm, denn mit vollem Mund teilten die Kinder auch noch mit, dass sie „soooo einen Hunger gehabt hätten“, weswegen man sich die Waffeln direkt (etwas verfressen wirkend) hätte in den Mund stopfen müssen.


Der innere Kommentator kommentierte: „Du bist aber eine schlechte Bonusmama. Die Kinder haben keine Manieren und sie müssen auch noch hungern.“

Mein Gehirn rechnete nach: zwischen Frühstück und Waffelessen waren es vier Stunden gewesen. Ähnlich viel, wie an normalen Wochenenden zwischen Frühstück und Mittagessen und weniger Zeit als an Homeschooling-Tagen. So schlimm konnte es also nicht gewesen sein. Ich fühlte mich ein wenig besser – zumal die Kinder ja auch jederzeit hätten Obst essen können, wenn sie vorher Hunger angemeldet hätten.


Tischmanieren

Die Kritik des inneren Kommentators hinsichtlich der Tischmanieren blendete ich aus – so wie ich es ständig tue, denn das Thema ist ein Dauerbrenner bei uns. In diesem Zusammenhang ließ sich zumindest festhalten, dass Annikas Ausrede für die Zukunft auch nicht mehr gilt. Unser Dialog ist regelmäßig:


Marc: „Annika, iss‘ bitte mit Messer und Gabel.“

Annika: „Warum?“

Marc. „Weil man so isst.“

Annika: „Ich brauche kein Messer.“

Marc: „Doch brauchst Du.“

Annika: „Nein, geht auch ohne.“ Marc: „Annika, iss‘ bitte mit Messer und Gabel. Es geht ja auch darum, dass du ordentlich isst, wenn andere Menschen mit am Tisch sitzen.“ Annika: „Dann kann ich ja mit Messer und Gabel essen.“

Marc: „Wie kannst Du es dann, wenn Du es vorher nicht lernst?“ Annika: „Ich kann es ja. Nur will ich es jetzt nicht.“


Die Tatsache, dass die Waffeln mit der Hand in den Mund geschoben wurden und ihr Tischset nach dem Essen einer Kombination von Waffeln und Kirschen so aussah, als hätte ein Zweijähriger das erste Mal gegessen, zeigen deutlich, dass sie nicht „ordentlich essen kann“, wenn andere Menschen mit am Tisch sitzen. Nun denn. Mit 14 ist ja noch ausreichend Zeit entsprechendes zu lernen… (#Ironieaus)


Das Handy

Wie dem auch sei. Nachdem die hungrigen Mägen gefüttert worden waren, zückte Annika (entgegen vorheriger Absprache) ihr Handy und saß nun mit ihrem Lieblings-Elektronik-Device vor ihrer Nase am Tisch. Ich ignorierte es weg. Marc nahm es nicht zur Kenntnis.


Aber Tommi bekam es natürlich mit und kommentierte es auch lautstark. Annika, genervt von der Gesamtsituation, war nicht zimperlich und teilte Tommi ausdrucksstark mit, dass er „sein Maul halten solle“ gefolgt von einem „Fick Dich“.

Ich sah die Eskalation schon kommen, versuche es aber noch nett: „Annika, nicht in dem Ton. Außerdem sitzen hier kleine Kinder.“


Tommi lies das „fick Dich“ nicht auf sich sitzen und entgegnete entsprechend. Marc taxierte die Kids, die ihm praktischerweise gegenüber aßen, mit einem bösen Blick und ermahnt sie mit strenger Stimme (Eskalationsstufe 2), das Streiten aufzuhören.

Dies fand Annika aber ungerecht, denn es wäre eine Unverschämtheit von Tommi. Zudem wäre Tommi eine Petze und würde nie Freunde finden bzw. hätte nur komische. Tommi zählte daraufhin alles auf, was seine Schwester Komisches machte.


Eskalation

Es folgte Eskalationsstufe 3 bei Marc.

In der Folge herrschte Stille im Wohnzimmer und ich sowie unser Besuch nahmen dieses peinliche Gefühl, das einen beschleicht, wenn Eltern ihre Kinder in der Öffentlichkeit erziehen, sehr deutlich wahr.


Ich versuchte die Stimmung zu retten und schlug vor, dass wir jetzt gleich eine Runde rausgehen könnten. Tommi könnte da meinem Neffen mit seinem neuen Schnitzmesser einen Stock anspitzen. Es folgte eine Diskussion, wie sch… es wäre raus zu gehen. Meine Schwägerin übernahm dankenswerterweise das Vortragen der Erwachsenen-Argumente.


An unserer Front herrschte noch immer kein Frieden – Tommi verschwand schmollend in sein Zimmer. Ich ging ihm nach und fragte nach dem Grund. Den Tränen nahe teilte er mir mit, dass es so ungerecht sei, dass Annika immer ans Handy dürfte und er hätte das schon längst abgenommen bekommen. Ich sagte ihm, dass ich das genauso sehe und Papa Bescheid sagen würde. Tommi war zufriedener und zog – wenn auch immer noch leicht widerwillig – die Wanderschuhe an.


Ich ging zu Marc und bat ihn, Annika jetzt einfach mal das Handy abzunehmen. Schließlich sei es ja nicht zu viel verlangt, wenn sie eine Stunde des Tages mal auf dieses blöde Ding verzichtete. Zumal wir ja auch Besuch hatten. Marc sah mich als Vertreter von Tommi an und teilte mir mit, dass er es nicht gut fände, wenn Tommi immer petzen würde. Ich akzeptierte das Argument, bat weiterhin darum, dass Annika nun bitte ihr Handy wegtun sollte.


Ob sie es letzten Endes beim Spaziergang wirklich zu Hause gelassen hat oder ob sie über ihre Kopfhörer ihren Kram hörte, wusste ich nicht, war mir aber zu dem Zeitpunkt egal. Mein einziges Ziel war nur noch, eine weitere Eskalation zwischen Tommi und Annika zu vermeiden – genauso wie eine Eskalation zwischen Marc und mir.


Abendessen

Nach dem Spaziergang fuhr unser Besuch nach Hause und von den Kids hörte man nur noch das Zuschlagen ihrer jeweiligen Kinderzimmertür. Marc und ich räumten das Schlachtfeld Wohnzimmer auf und ich bereitete den Pizzateig für das Abendessen vor.


Gegen halb acht gab es dann selbstgemachte Pizza. Marc holte Tommi aus seinem Zimmer, wo er mit den Worten begrüßt wurde „ich mag keine selbstgemachte Pizza.“

Ich hörte es aus der Küche und atmete tief durch.

Anschließend holte Marc Annika aus ihrem Zimmer. Sie setzte sich an den Tisch und fragte: „Wann gibt es noch mal Fertigpizza? Ich mag die lieber als das hier.“


Mein Gehirn nahm diese Information wahr, beschloss das Ganze als „konstruktive Kritik“ zu werten und diese auch zukünftig umzusetzen. Ist für mich auch viel weniger Arbeit: ca. 2 Minuten, um eine Fertigpizza aus ihrer Verpackung zu holen und aufs Backblech zu schmeißen versus Pizzateig vorbereiten, ausrollen, mit Soße bestreichen, Zutaten schnibbeln, belegen, etc. – ganz zu schweigen von der Komplexität des Einkaufs. Damit sind auch meine Versuche, die Kinder halbwegs gesund zu ernähren, eingestellt, was zugegebenermaßen eh nur wenig Sinn macht, wenn sie an 12 von 14 Tagen nur „Müll“ bei Uschi essen.


Der Film

Während des Essens versuchte Marc einen Konsens zu finden, hinsichtlich der Frage, welchen Film wir abends schauen wollten. Wir hatten am Vorabend einen Animefilm auf Wunsch der Kinder geschaut, so dass es unser Abend war, um zu bestimmen, was geschaut wurde. Egal, welchen Vorschlag Marc machte, er wurde mit einem „lame“; „boring“ oder generell „scheiße“ kommentiert. Zudem beschwerte man sich, dass wir immer bestimmen würden, was geguckt wurde.


Ich war zu erschöpft – ja, ich glaube, dieser Begriff trifft es ganz gut – um zu erläutern, wie viel Mitspracherecht ich in den 80er/90er Jahren beim Samstagabend Fernsehprogramm meiner Eltern hatte: Du ahnst es schon – keins. Auch haben meine Eltern Samstagabends niemals Kinderfilme oder Zeichentrickserien mit uns geschaut. Wenn Samstag abends „Wetten dass…?“ lief, konnte man mit zuschauen, oder es bleiben lassen. Es wurde nicht diskutiert, was die Kinder schauen wollten.


Schließlich stand Marc vom Essentisch auf, brachte seinen Teller in die Spülmaschine und setzte sich wieder an den Tisch. Die Kinder ahnten schon, dass etwas Ungewohntes folgte – Marc sagte ganz ruhig: „Wenn Ihr keine Lust habt, einen Film mit uns zu gucken, dann lasst es halt bleiben.“


Die Kinder wurden von dieser plötzlichen Wendung überrascht: Tommi mutmaßte direkt, dass es so was wie „umgekehrte Psychologie“ sei (fragt mich bitte nicht, woher er diesen Begriff kennt?). Annika meinte, dass das ziemlich gemein wäre, denn jetzt würde sie sich schlecht fühlen.

Marc meinte, dass sie das nicht tun müsste und wiederholte, dass „wenn sie keine Lust hätten, sie es dann halt bleiben lassen sollten.“

Es war deutlich, dass ein weiteres Diskutieren, welchen Film die Kinder gucken wollten, nicht erfolgen würde.


Ich war begeistert. Kein ewiges Diskutieren, kein klein beigeben und vor allen Dingen am Ende des Abends auch kein Rumgenöle, wie extrem sch… der von uns ausgewählte Film gewesen war.


Während ich die Spülmaschine einräumte und in der Küche klar Schiff machte, verzogen sich die Kinder in ihre Kinderzimmer. Ehrlich gesagt war ich zutiefst dankbar.


Aufmerksamkeit

In den darauffolgenden Tagen diskutierte ich das Geschehene mit anderen Bonusmamas. Eine Bonusmama fragte mich, ob die Kids eifersüchtig seien. Ich verneinte erst.

Dann dachte ich doch ein wenig darüber nach…


Vielleicht ist Eifersucht nicht der ganz zutreffende Begriff, aber ich glaube die Richtung ist nicht verkehrt. Meine Interpretation der Situation ist, dass in unserer nachmittäglichen Runde meine Neffen ganz klar im Vordergrund standen: ein Wirbelwind und ein Baby, wo man stets schauen musste, dass dieses nicht in ungesicherte Steckdosen packte. Der Fokus war weg von unseren Kids.


Ich glaube, dass sie das wirklich nicht gewohnt sind – ganz besonders nicht, wenn sie bei uns sind. Denn aller Fokus, alle Ausrichtung ist stets auf den beiden. Was möchten sie gerne, was hätten sie gerne? Insbesondere nach einer Woche „Exklusivbetreuung“ war dann der Gegensatz, dass es mal nicht um sie, ihre Wünsch, Empfindlichkeiten und ihre Manga- oder Fortnitegeschichten ging, extrem krass. Und eine gute Möglichkeit, um wieder die Aufmerksamkeit zu bekommen, die man sich wünscht, ist ja oft, einfach mal einen Streit anzuzetteln.


Natürlich machen das die Kids nicht bewusst á la „jetzt zetteln wir einen Streit an, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Aber die Tatsache, dass sie sämtliche Eskalationsanzeichen von Marc komplett ignorierten, zeigt meines Erachtens schon, dass es ihnen wichtiger war, den Streit zu führen, als ihn aufzugeben. Auch wenn das mit schlechter PR verbunden war – wobei, das wissen nicht nur die Marketingprofis unter uns, es ja keine schlechte PR gibt. Und im Zweifel heiligt der Zweck die Mittel.


Mich hat das Erlebte einmal mehr bestärkt, die Kinder weniger in den Mittelpunkt zu rücken. Natürlich ist es immer eine surreale Situation, wenn sie hier jedes zweite Wochenende auftauchen. Sie kommen zum Umgangswochenende, um Umgang mit ihrem Vater zu haben.


Natürlich möchte man die Zeit „möglichst gut“ nutzen und das bedeutet meistens, dass man das tut, was den Kindern eine Freude bereitet. Unspektakuläre Wochenenden, wie ich sie bei meinen Eltern zu Hauf hatte, gibt es hier eigentlich nicht. Mit unspektakulären Wochenenden meine ich die Wochenenden, wo die Eltern sich ums Haus und den Garten gekümmert haben und wir Kinder versucht haben, „unterzutauchen“, um nicht für kleinere Arbeiten herangezogen zu werden. Haben wir an solchen Wochenenden Zeit mit unseren Eltern verbracht? Nein. Fanden wir oder meine Eltern das schlimm? Nein.

Wäre es hingegen „komisch“, wenn die Kinder zum Umgangswochenende kommen und keine Zeit mit ihrem Vater verbringen? Definitiv.

Auch hier wird wieder deutlich, dass Bonusfamilien nicht wie „normale Familien“ sind.


Wie gehen wir jetzt in Zukunft damit um? Schwierig.

Gerade das böse C macht einem einen Strich durch die Rechnung, wenn es darum geht, mehr Zeit mit anderen Familien zu verbringen, wo unsere Kids dann nicht im Mittelpunkt stehen. Dank C ist zumindest das regelmäßige „Eventabfackeln“, wenn die Kids kommen, ein wenig eingedämmt. Jetzt gilt es, den Fokus weg von der 24/7-Bespaßung hin zu einem schönen Miteinander zu bekommen, wo alle Interessen berücksichtigt werden.


Ich werde berichten. Wie immer hier auf diesem Kanal.


Wie ist es bei Euch? Stehen die Bonuskids auch immer im Mittelpunkt? Wie gehen die Kids damit um, wenn sie mal nicht im Mittelpunkt stehen?

Ich bin gespannt auf Eure Erlebnisse, Erkenntnisse und Anekdoten und freue mich über Eure Kommentare, Emails oder Anrufe.


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